Das neue Myspace anno 2013

2 12 2012

Myspace war einst der Big(gest) Player wenn es um die Vernetzung von Menschen, insbesondere solchen die Musik machen oder lieben, ging. Dann kam ein hässliches, datenhungriges Ungeheuer, das der zu dieser Zeit bereits an Medienmogul Murdoch veräußerten Plattform die Nutzer und damit das Leben aussog. Selbst das neue Design konnte am Ausbluten der einst äußerst aktiven Community  nichts mehr ändern. Im Gegenteil, viele Bugs und langsamer Seitenaufbau vertrieb die Menschen eher noch schneller, so dass die Firma Specific Media aus Kalfornien im Jahre 2011 für 35 Millionen neben dem Namen und ein paar Servern nur noch eine ansonsten ziemlich tote Umgebung einkaufte.

Nun soll eine weitere Neugestaltung alles Besser machen. Hierbei möchte man gar nicht mehr mit dem einstigen großen Rivalen konkurrieren sondern konzentriert sich speziell auf das Thema Musik. Damit gesteht man gleich ein, dass man selbst nicht mehr daran glaubt, an die großen alten Zeit als Marktführer der Community-Plattformen anknüpfen zu können. Doch ist der einstige Name nun Fluch oder Segen für Myspace und lohnt es sich, überhaupt wieder einen Blick auf die Seiten zu werfen?

Interessant ist es sicherlich, was die Entwickler hier gezaubert haben. Auf der Vorschau-Seite new.myspace.com erkennt man gleich, dass es sich nicht um ein reines Neugestalten ging, sondern das Konzept stark verändert wurde. Zunächst loggen wir uns mit unseren alten Myspace Daten ein, können aber ebensogut einen Twitter oder Facebook Account nutzen. Davon rate ich grundsätzlich ab, da hier beide Netzwerke zu viele Daten austauschen könnten.

Nach einer kleinen Fragerunde wer wir sind und wofür wir uns interessieren blickt uns eine moderne, aufgeräumt wirkende Web 2.0 Startseite an, die im ersten Moment sehr an die Gestaltung diverser Google Projekte erinnert. Interessant zunächst die Fußleiste, in der sich unsere Benachrichtigungen und das Mailing-System finden. Als wichtiges Merkmal ist hier sicherlich der Musik-Player zu nennen, wie man ihn sicherlich schon von der Konkurrenz wie Reverbnation kennt.

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Klicken wir hier auf „Discover“, können wir in einer Auswahl von Musikern, Menschen und Mutationen, ach nein, Mixes und Radios Unbekanntes kennen lernen. Ein interessanter Ansatz ist die horizontal scrollende Seite, von der ich befürchte, dass ein Großteil der eher unbedarften Nutzer damit zunächst nicht zurecht kommen dürfte. Denn wer kommt schon auf die Idee, statt nach unten nach rechts zu scrollen?

Die Suche, die durch ein kleines Lupen-Symbol im Footer symbolisiert wird, lässt uns zunächst ziemlich alleine. Einzig der Hinweis „Start typing…“ verlockt dazu, auf die Tasten zu hauen. Und siehe da, in Echtzeit bekommen wir Ergebnisse für das Getippte präsentiert.

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Was auffällt ist der Umstand, dass sämtliche Kontakte fehlen. Selbst wenn die Meisten davon inzwischen inaktiv sind wäre es doch ärgerlich, die häufig mit viel Aufwand gesammelten Verbindungen zu verlieren. Wollen wir hoffen, dass diese noch übernommen werden und wir nicht komplett neu von Null anfangen müssen. Sofern wir das überhaupt wollen. Denn mit Reverbnation, Bandcamp, Soundcloud und vielen Anderen hat sich längst eine starke Konkurrenz etabliert. Das Alleinstellungsmerkmal fehlt mir im Moment, mit dem Myspace es schaffen will, das Wichtigste für eine solche Plattform zu reaktivieren: die aktiven Nutzer.

Persönlich begrüße ich die Umgestaltung, auch wenn man sich wieder neu eingewöhnen muss. Doch lange hatte ich an der ursprünglichen Version herumgemeckert, bei der die unterschiedlichen Designs der Mitgliederseiten eben kein tolles Feature, sondern lediglich fehlerhafte Programmierung war, die hinterher, als es kein Zurück mehr gab den Fehler zu korrigieren, als gewollt dargestellt wurde. Die zweite Version war schlicht zu langsam und fehlerbehaftet. Alleine schon der Umstand, dass bei den Bulletins die Seitenschaltung bis heute fehlt macht diese für mich unbenutzbar. Grundsätzlich befürworte ich eine bunte Vielfalt an Webseiten, unter denen man auswählen kann und die dem großen Platzhirschen doch hoffentlich bald ordentlich Feuer unter dem fetten Hintern machen. Selbst wenn die Konkurrenz ähnliche kommerzielle Interessen verfolgt.

Wenn ihr schon angemeldet seid, dann schaut doch auch mal bei RamTatTa vorbei. Noch ist es dort karg und einsam, doch wir stehen ja auch erst ganz am Anfang. Vielleicht der Anfang eines großen … ach nein, ich glaube nicht so recht daran. Doch lassen wir uns einfach überraschen.





Social Web – Die Alternativen: Teil 3 – Mikroblogging

31 10 2012

Social Web – Die Alternativen: Teil 1 – Chats
Social Web – Die Alternativen: Teil 2 – Filesharing
Social Web – Die Alternativen: Teil 3 – Mikroblogging

Im Zeitalter der neuen Medien haben sich die Menschen immer weniger mitzuteilen. Das bemerkt man auch an dem Erfolg des Kurznachrichtendienstes Twitter. In nur 140 Zeichen schicken die Mitglieder verkrüppelte Nachrichten in die Welt, deren Informationsgehalt ungefähr mit dem der Meldungen in der Bildzeitung zu vergleichen sind. Trotz alledem erfreut sich das Netzwerk vieler Millionen Teilnehmer, die anscheinend das rein kommerzielle Interessen des dahinterstehenden Unternehmens übersehen. Das wird schon an dem Umstand ersichtlich, dass die Schnittstelle zu Twitter in der Vergangenheit immer weiter von fremdem Zugriff abgeschirmt wurde. Frei ist dieses Netzwerk also schon lange nicht mehr und was mit den dort geposteten persönlichen Daten geschieht bleibt im Dunkeln verborgen.

Wenn es denn also die kurzen Mitteilungen sein sollen, warum nutzt man dann die Plattform eines Quasi-Monopolisten, der seine Marktmacht für viele schlimme Dinge nutzen könnte? Denn siehe da, auch für Twitter gibt es Alternativen. Diese basieren in aller Regel auf der Open Source Software StatusNet. Die unter der GNU APGL lizenzierte PHP Software kann hier kostenfrei heruntergeladen und auf einem eigenen Server eingesetzt werden. Das Wiki erklärt die Installation sowie weitere Schritte. Die Systemanforderungen sind für eine Grundinstallation recht gering, so dass der Einrichtung eines eigenen Projekts kaum etwas im Wege stehen sollte.

Möchte man sich diese Arbeit trotzdem sparen, kann man auf bereits bestehende Projekte zurück greifen. Das Aktivix Kollektiv beispielsweise hat die Independent Micro Blog Site eingerichtet, auf der man sich allerdings nur nach persönlicher Einladung beteiligen kann.

Offen für alle und auch mit deutlich mehr aktiven Mitgliedern ist identi.ca, die Referenzimplementierung von StatusNet. Die Funktionen ähneln sehr denen seines großen Vorbildes, Nachrichten dürfen maximal 140 Zeichen umfassen. Allerdings steht bei identi.ca Freiheit und Transparenz im Vordergrund, durch das offene OStatus Protokoll können andere Dienste dezentral mit dem Dienst kommunizieren. Eine Anmeldung kann neben der normalen Registrierung auch mit dem Twitter bzw. Facebook Account oder einer OpenID erfolgen. Die Nutzer stimmen mit der Nutzung automatisch zu, sämtliche hier veröffentlichten Texte unter die freie CC BY 3.0 Lizenz zu stellen.





Facebook: Der Fake mit der Fanseiten-Umstellung

14 10 2012

Sie ist einfach nicht totzubekommmen, die Falschmeldung in der sich Facebook-Mitglieder brüskieren, Mr. Zuckerberg habe seine Fanseiten derart umgestellt, um endlich arme Mitglieder ungezügelt abzocken zu können. Den Text sieht man in verschiedenen Varianten, ähnelt aber ungefähr immer diesem hier:

ACHTUNG!

Anscheinend hat Facebook die Fanseiten umgestellt, so dass Euch nicht mehr alle Beiträge erreichen, die von uns gepostet werden. Facebook macht das, damit man für eine größere Reichweite der Beiträge Kohle locker machen darf (als Betreiber der jeweiligen Seite, so wie wir das sind). Deshalb bitte folgendes bei Euch ein
stellen, um trotzdem alle Beiträge von […] zu bekommen:

1. Oben rechts das kleine Zahnrad anklicken
2. Auf „Zur Interessenliste hinzufügen“ klicken
3. „Neue Liste“ anlegen, wenn ihr noch keine habt
es kann nicht sein das man bei FB für seine Seiten auch noch Kohle zahlen soll.

Gut, wenn ihr keine Kohle zahlen wollt, dann lasst es doch einfach. Oder verlasst besser gleich Facebook komplett. Alternativen gibt es genug, ihr als User seid das Kapital des Unternehmens. Wenn ihr abwandert, macht es die Konkurrenz vielleicht besser.

Ganz so böse wie hier behauptet, ist Facebook dann allerdings doch nicht. Als Seitenbesitzer bekommt man zwar in der Tat das Angebot, seine Beiträge für Bares an ein größeres Publikum zu senden, aber das ist nur ein Zusatzangebot. Tatsächlich wurden diese bisher aber auch immer schon nur an einen geringen Prozentsatz der „Follower“ gesendet.

Stellen wir uns den User Heinz-Herbert bei Facebook vor. Heinz-Herbert hat 500 Freunde und bei noch einmal so vielen Seiten auf „Gefällt mir“ geklickt. Würde er jetzt von diesen insgesamt 1.000 Stellen sämtliche Nachrichten erhalten, würde er irgendwann in einem Wust aus Meldungen ersticken. Schreibt jeder von diesen 1.000 Kontakten 10 Meldungen am Tag (dazu gehören auch Statusmeldungen und ähnlich uninteressanter Quatsch), würden 10.000 Meldungen am Tag durch Heinz-Herberts Timeline flutschen. Damit das nicht passiert, wird ihm von jedem Kontakt nur ein bestimmter Prozentsatz in seiner Timeline angezeigt. Auf den Seiten selbst sieht er natürlich trotzdem alles, was jemals gepostet wurde.

Wie viel vom jeweiligen Freund oder der Seite angezeigt wird hängt immer von der Interaktion mit diesem bzw. dieser ab. Schreibt Heinz-Herbert mit Ingelore ständig im Chat, kommentiert die Beiträge, klickt den Daumen, dann sieht er ihre Meldungen deutlich häufiger als die von Diethelm, mit dem er ansonsten nichts zu tun hat. Das Angebot von Facebook besteht nun also darin, einen neuen Artikel der Seite „Suppen-Schneider“ nicht nur wie bisher vielleicht 10% der Fans anzuzeigen, sondern diesen Prozentsatz deutlich zu erhöhen. Man kauft sich also mehr Views für seinen Beitrag. Da wurde allerdings nichts umgestellt, die Funktion, dass Texte immer nur einem geringen Prozentsatz der Fans angezeigt wird war schon immer so. Es handelt sich also um ein neues, kostenpflichtiges Zusatzfeature.

Der Tipp, eine Interessensliste für Fanseiten anzulegen ist zudem vollkommen unsinnig. Dieses Feature ist bei Twitter abgekupfert und soll Ordnung in die Vielzahl der Seiten bringen, die man im Laufe seines Facebook-Lebens mit einem „Gefällt mir“ adelt. Auf https://www.facebook.com/addlist können wir eine neue Liste erstellen, sagen wir mal „Vegane Metzgereien“ und schieben uns hier die passenden Händler rein. Dann dürfen wir den Namen vergeben und noch die Sichtbarkeit auf privat, sichtbar nur für Freunde oder offen für alle einstellen. Schon haben wir im Seitenmenü unter „Interessen“ unsere erste Liste, in der uns nur Beiträge der gerade gewählten Seiten angezeigt werden. Klicken wir künftig bei einer Seite auf „Gefällt mir“, können wir ab sofort auch gleich noch die Liste wählen, in der die Seite landen soll.

Natürlich bedeutet dies nicht, dass wir jetzt sämtliche Beiträge der Seiten in unserer Timeline sehen. Im Gegenteil, wir müssen sogar noch explizit in die Liste rein schauen, was ich zumindest ganz gerne vergesse (wenigstens dürfen wir die Listen auch zu unseren Favoriten hinzufügen). Damit hätte sich dann also der gewünschte Erfolg des Seitenbetreibers ins Gegenteil gekehrt. Von daher wären Listen durchaus sinnvoll zur Sortierung, jedoch in dem beschriebenen Zusammenhang eher als kontraproduktiv anzusehen.

Der Hintergedanke mag gewesen sein, dass in einer Liste mit begrenztem Umfang an enthaltenen Seiten deutlich mehr Beiträge der einzelnen Seiten aufgeführt sind. Ob das tatsächlich so ist müsste man überprüfen, vorstellen kann ich mir das deshalb nicht, weil sich Facebook damit das eigene Geschäftsfeld kaputt machen würde. Der Prozentsatz der beim User angezeigten Meldungen einer Seite dürfte sich wenn überhaupt nur marginal erhöhen.

Update 30.10.2012:
Da es schon einige Reaktionen auf diesen Artikel gab nun eine kurze Aktualisierung. Diesen hatte ich grundsätzlich deshalb geschrieben, weil mich die ständigen Aufrufe in Facebook nervten. Das was ich schrieb beruhte hauptsächlich auf Vermutungen, die ich in der Zwischenzeit versucht habe, etwas zu verifizieren.

Zunächst zum Aufruf selbst. In diesem wird zwar meist kurz und bündig erklärt, man solle die Seite in eine Liste aufnehmen, was es damit auf sich hat und welche Vorteile diese bietet bleibt allerdings für den unbedarften Nutzer im Dunkeln. Und genau diesem unterstelle ich auch, selbst wenn er es schafft eine solche zu erstellen, wird die Liste über kurz oder lang in Vergessenheit geraten und die Aktion damit ad absurdum geführt.

Grundsätzlich stimmt es tatsächlich. Wenn ich eine Liste erstelle und dort eine Seite rein packe, wird mir von dieser deutlich mehr angezeigt als in meiner normalen Timeline. Oder sagen wir, so ist das bei dem Durchschnitts-User. Trotzdem gebe ich denjenigen nicht Recht, die behaupten, eine Liste wäre die Wunderwaffe. Habe ich nämlich nur bei 10 Seiten (ich rede jetzt der Einfachheit halber von Seiten, dazu würden aber eigentlich auch die Freunde zählen) „gefällt mir“ geklickt, dann wird mir auch in meiner Timeline deutlich mehr von jeder einzelnen Seite angezeigt, als wenn ich Fan von 10.000 Seiten bin. Macht Sinn, wie ich hier bereits erklärt habe. Denn sonst würde ich ersticken in einem Wust von Meldungen. Es ist grundsätzlich also eine gute Funktion von Facebook, mir mehr Inhalte von den Seiten anzuzeigen, mit denen ich in aktiver Kommunikation stehe. Natürlich fühlen sich dann auch viele benachteiligt. Interessieren mich also wirklich 10.000 Seiten, dann müsste ich die alle in eine Liste packen – und siehe da, je mehr Seiten ich in meiner Liste habe, desto weniger wird mir wieder von jeder Einzelnen angezeigt, hier greift also genauso der Algorithmus wie in der Timeline. Wer mir das nicht glaubt, soll es einfach ausprobieren und nicht einfach das Gegenteil behaupten. Um das zu umgehen könnte ich mir 1.000 Listen anlegen, dann hätte ich in jeder Einzelnen wieder mehr Updates von jeder Seite. Ob das Sinn macht? Zur Sortierung in einem gewissen Umfang sicherlich, deshalb nutze ich Listen persönlich auch ganz gerne. Um alle Updates zu sehen? Ich bleibe bei meinem „Nein“ und behaupte auch, dass ich gar nicht wirklich alles sehen möchte.

Was ist nun mit der Aussage, dass durch die gesponserten Artikel kaum mehr kostenlose Updates angezeigt werden? Dazu möchte ich einfach fragen, auf was für Seiten ihr eure Likes verteilt? Bis heute ist mir nicht eine(!) einzige bezahlte Meldung untergekommen. Sicherlich, zum allergrößten Teil gefallen mir unkommerzielle Seiten, von daher bleibe ich glücklicherweise verschont davon. Wenn es euch nervt, dann entzieht doch einfach den Seiten euren Daumen, die sich die Leserschaft kaufen. Klar, wenn von meinen 10.000 Seiten 500 dabei sind, die sich andauernd meine Aufmerksamkeit erkaufen werden die restlichen 9.500 nicht kommerziellen Projekte in den Hintergrund gedrängt. Aber da muss einfach jeder selbst wissen, was ihn selbst interessiert. Denn steuern könnt ihr das immer noch selbst. Auch das Netzwerk, auf dem ihr euch aufhaltet gibt euch niemand vor. Warum seid ihr überhaupt auf Facebook, wenn ihr mit deren Geschäftsgebaren nicht einverstanden seid? Alternativen gibt es wirklich zur Genüge.





Hexenjagd auf Facebook

10 09 2012

Gerade zeigt sich eine der dunkelsten Seiten der Kommunikation auf Facebook. Da wird einem armen Menschen, dessen Profil ganz offensichtlich von irgendwelchen Witzbolden übernommen wurde, sein komplettes Leben versaut. Schauen wir uns sein Profil doch einfach kurz an um zu erkennen, worum es hier geht.

Wer schon eine Weile im Internet unterwegs ist wird die Parallelen erkennen. Da sind vermutlich nicht unbedingt wohlgesonnene Genossen in den Besitz des Passworts der betroffenen Person gekommen und um diese zu diskreditieren, wird wahllos irgendwelcher Müll auf der Timeline gepostet. Was dann aber passiert ist auch im Netz relativ neu. Eine ganz eigene Dynamik entwickelt sich und das Profil wird hundertfach weiter verteilt, im besten Fall noch mit üblen Beleidigungen, häufig aber mit konkreten Androhungen von Gewalt bis zum Mordaufruf. Einen kleinen Auszug hiervon habe ich für die Nachwelt festgehalten.

Meiner Kritik an dieser Hetze wurde wie nicht anders zu erwarten mit naiven Gegenargumenten begegnet. Doch was sollen wir davon halten? Zerpflücken wir die Kommentare doch ein wenig.

Woher weißt du, dass das ein Fake ist?
Nun, das weiß ich natürlich nicht. Aber woher wisst ihr, dass die betroffene Person unter vollem Namen und Adressangabe öffentlich ihre Pädophilie zur Schau stellt? Würde jemand schreiben „ich bin fett und stinke nach Fisch“? Das ist doch alleine schon sehr unglaubwürdig.

Was, wenn es doch kein Fake ist, sollen wir das dann tolerieren?
Natürlich nicht, wer sagt denn so etwas? Meldet das Profil gerne an Facebook. Aber was nutzt es, wenn das Profil tausendfach mit derart menschenverachtenden Kommentaren weiter versendet wird, damit auch wirklich jeder, inklusive Familie, Nachbarn und Arbeitgeber der betroffenen Person diese Einträge sieht? Was, wenn es ein Fake ist, dann ist das Leben dieser Person längst ruiniert und eine Gegendarstellung interessiert hinterher niemanden mehr. Und Beleidigungen sind nunmal verboten, erst recht der Aufruf zu Gewalttaten. Gegen solche Hetzer gibt es bereits rechtskräftige Urteile. Hier sei der betroffenen Person wirklich dringend angeraten, gegen jeden einzelnen böswilligen Kommentatoren gerichtlich vorzugehen.

Die Unschuldsvermutung besagt, dass jemand so lange unschuldig ist, bis seine Schuld bewiesen ist. Nun beweise mir doch bitte einer die Schuld dieser Person. Nein, fadenscheinige Vermutungen zählen definitiv nicht.

Wenn es Fake sein soll ist es doch komisch, dass Facebook nichts gegen dieses Profil unternimmt
Facebook ist nicht unbedingt schnell bei der Bearbeitung eingehender Beschwerden. Die Hetze dauert nun vielleicht ein, zwei Stunden an. Facebook bekommt täglich sicher abertausende Profile gepetzt, größtenteils sicherlich unnötigerweise. Bis sich ein Mitarbeiter ein solches anschaut vergeht einfach seine Zeit. Man bedenke, es ist jetzt mitten in der Nacht, das Profil ist in deutscher Sprache. Bis ein deutschsprachiger Mitarbeiter das zu Gesicht bekommt mag es selbst im Idealfall noch ein paar Stunden dauern. Und dann bin ich mir sicher, dass das Profil auch gelöscht wird oder zumindest die Kommentare.

Um zur Ursprungsaussage zurückzukommen: Wenn es kein Fake sein soll wäre es doch genauso komisch, wenn Facebook nichts unternimmt. Was soll dass also bitte für ein Argument sein?

Wenn es Fake sein soll ist es doch komisch, dass sich seine Frau oder seine Freunde nicht dazu äußern
Es ist jetzt kurz vor Mitternacht. Ihr erwartet nicht wirklich, dass seine Frau um diese Zeit noch online ist und die vermutlich sehr zahlreichen, liebenswürdigen Nachrichten einzeln beantwortet? Schaut man sich deren Profil an wird man erkennen, dass diese das besagte Profil ihres Ehemannes nicht mehr in ihrer Freundesliste hat. Das spricht doch eindeutig für die These, dass sie von der feindlichen Übernahme mitbekommen und das Profil einfach aus den Augen verloren haben.

Da wird aber schon seit Wochen Scheiße auf der Seite gepostet.
Ja, ist das nicht bei den allermeisten Facebook Profilen so? Dann müssten wir unseren Groll gegen sämtliche Mitglieder hegen. Vielleicht hat die Person irgendwann gemerkt, dass er sich mit seinem Passwort nicht mehr einloggen kann, weil die Angreifer dieses irgendwann geändert haben. Die allermeisten nicht unbedingt internetaffinen Personen werden sich hier nicht an den Support wenden, sondern sich kurz wundern und dann das Profil abschreiben, dieses nie wieder besuchen. Eine neue Heimat ist schnell eingerichtet, kein Grund für arglose Gemüter, sich um den alten Abfall zu kümmern. Also alle Zeit der Welt für die Angreifer, hier immer wieder gegen die Person zu hetzen.

Zudem kann man bei Facebook neuerdings auch Beiträge ändern, wann bzw. welche genau konnte ich noch nicht heraus finden. Vielleicht stand da also früher etwas ganz Anderes und die ursprünglichen Texte wurden erst neuerdings ersetzt?

Wie soll jemand Fremdes an das Passwort für das Profil kommen?
Die Möglichkeiten sind mannigfaltig. Ein paar davon in einer unsortierten Liste.

  • Es gibt Hitlisten der beliebtesten Passwörter, diese könnte man also einfach durchprobieren
  • Der Angreifer könnte aus dem Umfeld der betroffenen Person kommen und Standards wie den Namen der Ehefrau ausprobieren. Die Erfolgschancen sind recht hoch.
  • Selbst wenn die Person ein gutes Passwort gewählt hat, nutzen die Wenigsten für jede Anmeldung im Internet unterschiedliche Kennwörter. Es könnte also eine Datenbank irgend einer Webseite gehackt worden sein, auf der die Person mit dem selben Passwort registriert ist.
  • Die Person könnte sich einen Keylogger eingefangen haben, der sämtliche Eingaben auf seinem PC mitprotokolliert.

Irgend etwas muss dahinter stecken, der sieht mir auch nicht ganz sauber aus
Ein Schmankerl. Das ist ja super, wenn man den Menschen jetzt schon ansieht, dass sie Dreck am Stecken haben. Entlastet unsere Gerichte natürlich enorm. Wirklich kommentieren muss man solche Argumente bestimmt nicht.

Das steht doch schwarz auf weiß im Internet, dann muss das doch der Wahrheit entsprechen
Ich gestehe, die Aussage selbst ist von mir frei erfunden. Sieht man aber, wie die Masse ein paar Texte im Netz als bare Münze nimmt ist das gar nicht so weit hergeholt. Dann schauen wir uns doch kurz um, was unsere Politiker so im Netz verbreiten.

Update vom 11.09.:
Inzwischen gibt es ein Statement der Polizei. Warum hier der vollständige Name des Betroffenen genannt wird, bleibt mir gänzlich verborgen. Ich lese aus dem Statement, dass man noch nichts unternommen hat, außer den gesunden Menschenverstand einzuschalten. Dann muss man einfach von einer feindlichen Übernahme des Accounts ausgehen. Und nein, ich bin mir sehr sicher, dass der Account nicht „gehackt“, sondern lediglich das Passwort herausgefunden wurde. Für eine genauere Begriffsdefinition dürft ihr euch gerne an ein Lexikon eurer Wahl wenden, das würde hier doch zu weit führen.

Liebe Facebook-User der Polizei […],
bezüglich der zahlreichen Kommentare von heute morgen teilen wir folgenden aktuellen Stand der Ermittlungen mit: Der Account von [Name entfernt] wurde von einem bisher unbekannten Täter gehackt. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gehen wir davon aus, dass es sich bei den Inhalten um ein fake handelt. Der Account ist gelöscht worden. Bitte beachten Sie auch zu Ihrer eigenen Sicherheit unsere Datenschutzhinweise, um Ihre eigenen Daten gegen den Zugriff Fremder zu schützen!

Quelle: https://www.facebook.com/photo.php?fbid=418812784844145&set=a.155302031195223.33274.155294707862622

Und noch eine Aussage, die ich so einfach nicht unkommentiert stehen lassen kann. Im Grundsatz wurde das zwar vorher schon erklärt, aber bitte, hier nochmal im Detail.

Wenn mir so etwas passiert wäre das Hacker auf meiner Seite gepostet hätte, dann hätte ich meine FB Seite sofort gelöscht

Leider gehen diejenigen, die sich ein wenig mit dem Computer oder zumindest mit Facebook auskennen davon aus, dass jeder dieses Wissen haben muss. Schaut euch in der Gesellschaft um, redet mit Personen, die „Google“ „das Internet“ nennen. Ich habe da schon mit genügend Personen geredet, denen ich allesamt nicht zutrauen würde, dass sie wüssten was sie in so einem Fall unternehmen können bzw. deren Fantasie gar nicht so weit reicht sich auszumalen, was man damit in böser Absicht anstellen kann. Ist ihnen das zum Vorwurf zu machen? Ich sage definitiv nein, denn ich behaupte von jedem, der aktiv im Internet unterwegs ist – und damit meine ich ganz klar nicht nur Facebook – liegen irgendwo ungenutzte Accounts herum, von deren Existenz er überhaupt nicht mehr weiß. Auf Facebook selbst dürften abertausende solcher Profile vor sich hingammeln. Jetzt zu behaupten, man hätte das anders gemacht ist scheinheilig und an der Realität vorbei gedacht. Wer kann schon spontan erklären, wie sich ein übernommenes Profil löschen lässt? Bedenkt, ohne Passwort habt ihr keinen Zugriff mehr auf euren eigenen Account, auch die Mailadresse kann vom Angreifer längst geändert sein.

Zu guter Letzt möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass es sich bei dem Angreifer mit großer Sicherheit nicht um einen „Hacker“ handelte. Ich empfinde es als äußerst ärgerlich, wenn hier immer wieder dieser Begriff in den Schmutz gezogen wird. Ein Hacker bringt viel technischen Sachverstand für seine Aktionen auf und wird bestimmt nicht solche dämlichen Postings auf einem privaten Profil hinterlassen. Also redet wovon ihr wollt, aber nutzt nicht den Begriff Hacker, verdammt noch mal…